Die grüne Seite

Ich bin ein Bäumchen, schmal und fein,

und steh‘ auf saurem Erdgestein.

Und lausch‘ ich all den alten Bäumen,

die rechts und links die Wege säumen,

dann war das Leben einst sehr fein.

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Aus dieser Zeit gab es bisher

für mich in diesem Leben schwer

nur den Geruch, den Duft, den Hauch.

Nun ist es saurer Kraftwerksrauch.

Seit Jahren schwefelt es prekär.

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Ich hab gehört, die Leute ziehn

gen Süden, um die Sonn‘ zu sehn;

um braun zu werden, Kohlen gleich;

und jeder tut‘s, ob arm, ob reich.

Ich finde Bräune gar nicht schön!

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Grün, das wär‘ meine Lieblingsfarbe:

Zum Herbst hin gelb wie eine Garbe.

Im Winter ohne Blatt am Ast.

Im Frühjahr neu nach langer Rast

erstrahlt mein Kleid in grüner Farbe.

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Nur weil die Menschen meinen: Braun

müßt‘ nun mal jede Haut ausschaun,

vergessen sie die gute Luft,

in die hinein der Schwefel pufft.

– Daß die sich vor die Türe traun?

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