Heil werden aus weiblicher Kraft

Frauen, die die Menopause überschritten haben, merken überdeutlich in dieser an männlichen Maßstäben orientierten Welt, dass sie sich minderwertig zu fühlen haben. Sie sind nicht mehr schön (an die Tochter abgetreten, deshalb dort der oft unschöne Wettbewerb) und somit nicht mehr attraktiv für die Männerwelt. Sie können nicht mehr als Brutkasten missbraucht werden, um die männliche Linie fortzuführen. Eigentlich sind sie Ballast – ein langlebiger obendrein. Möglicherweise sind sie nach einigen Jahren im Rentenalter oder der besitzende Mann / Ehemann ist verstorben. Dann müssen sie mit einer kleinen, oft nicht einmal für das Nötigste reichenden Rente auskommen. Oder sie nutzen die „Einkaufskarte“ der Krankenkasse und gehen zum Arzt, machen Anti-Aging-Aktionen, nehmen Herz-, Leber-, Gallen-, Verdauungs-, Hormon- und sonstige Pillen. Phantastische Aussichten!

Wie soll ich mir da ein friedliches Dasein ermöglichen? Schon auf dem Weg dahin habe ich oft genug festgestellt, dass für meine persönlichen Bedürfnisse, Hoffnungen und Ziele kaum Raum war. Ich hab das Leben der Kleinfamilie und dem Beruf des Mannes untergeordnet. Meine Leistung wurde, wenn überhaupt, nur wenig beachtet, war selbstverständlicher Teil einer Übereinkunft, in dem ER der Verdiener und damit das Familienoberhaupt war; ein Arrangement, in dem ich vor allem zu funktionieren hatte, um an vielen Baustellen gleichzeitig meine Lebenskraft zu verschleudern. Obwohl die von mir aufgezogenen Kinder die Verdiener der nächsten Generation sind und somit unser aller Lebensunterhalt sichern, ist meine Leistung nirgendwo gewürdigt worden. Solche Erkenntnis stimmt nicht friedlich.

Drei Phasen bestimmen das menschlich-weibliche Leben: die Phase der jungen, unabhängigen Frau (Lilith), die Phase der reproduzierenden, nährenden und schützenden Mutter (Eva) und die Phase der reifen, gewachsenen, weisen „Alten“ (Schechina), die das Leben in seiner Vielfalt besser einschätzen und ein Resümee ziehen kann.

Diese Drei-Einig-keit macht weibliche Werte und weibliche Kultur aus. Aus ihr heraus werden 80 % aller Arbeitsleistung auf dieser Erde erbracht (während nur gerade 10 % allen Geldwertes in weiblicher Hand ruhen). Diese Drei-Einig-keit bildet die Lebensgrundlage allen menschlichen Seins. Und ich könnte stolz darauf sein – wenn doch andere diese meine Leistung er-kennen – mich wahr-nehmen würden.

Stattdessen führe ich ein Dasein, das sich über innere Kämpfe auszudrückt, weil es über das Außen nicht geht; weil ich inzwischen begriffen habe, dass ich die ruinierte Welt nicht ändern kann. Innere Kämpfe werden zu inneren Krämpfen: Gallenblasenkrämpfe, Wadenkrämpfe, Gefäßkrämpfe, Magenkrämpfe, Herzkrämpfe… – die Indikationsliste für die oben aufgeführten Pillen. Nur wenn ich Glück hab, ist noch alles an mir dran, sowohl die Gebärmutter, als auch die Brüste, die Schilddrüse und die Gallenblase.

Nun, wenn ich meinen Gegner nicht kenne, nicht ausmachen kann, bleibt mir bei Verzicht auf die Produkte einer schwerreichen Pharmaindustrie nur die Flucht in mein persönliches Paradies; in den Raum neben dem Teil meiner Wirklichkeit, der nicht besetzt ist von Diktionen und Diktatoren, die mich manipulieren *), überrollen und vergewaltigen. Wenn ich die Welt nicht ändern kann, muss ich meine Nische suchen, denn sonst zerreißt es mich oder wirft mich in tiefe Depressionen °) einer verzerrten Lebenssicht. Ohne diese Nische fühle ich mich heimatlos.

Also muss ich die Erde wieder zu meiner Heimat machen, sie wieder als heil(ig)en Boden zu leben; Freundinnen suchen, die mich stützen und mir beistehen. Ich muss unbeeindruckt bleiben von männlichen-diktatorischen Zwängen. Ich will über diese Nische mit meinen Mitfrauen glücklich sein, sonst verharren wir in der Diagnose und vergessen unsere kulturelle persönliche Heilung. Jahrzehnte der Erfahrung sollen mir dabei helfen:

  1. um persönlich zufrieden sein zu können;
  2. um alle Mitfrauen daran teil-haben zu lassen, damit dieser Anfang um die Welt geht.

Ich stelle mir diese Welt vor, wie ich sie mir wünsche. Dabei berücksichtige ich alles, was mir aus alter Zeit, nämlich aus der der Frauen, gerettet scheint und als Wissen und Weisheit zur Verfügung steht. Damit entsteht ein Bild:

Der Kern ist Gaia, die Erde, die schöpferische Kraft, aus der heraus wir alle leben. Auf ihr stehen, blühen, wachsen und gedeihen wir unter dem Schutz Mamajas, der Ansicht der Großen Allmutter, die uns schützend in den Arm nimmt. Umgeben sind wir tagsüber von der Augenzeit, in der wir unser Leben kennen können; nachts umfängt uns die Traumzeit, in der wir unser Leben hören können. Aus der Weisheit Sophias wächst sich unser Lebensraum und macht uns zu-frieden.

Indem ich be-greife, dass alles zusammenspielt, was Schöpfung ist, kann ich in mir selbst ruhen. Natur ist die Quelle unseres Seins, sie ist die Brutstätte unseres Handelns und die Grundlage unseres Lebens. Aus ihr heraus ent-wickeln wir, was wir sind. Sie ermöglicht Bewusstheit und Wertgefühl möglich. Sie lässt uns fühlen, dass wir Frauen Leben hervorbringen können, was uns spürbar zu einem großartigen und mütterlichen Teil dieser Natur macht.

Mit jeder Augenzeit erfahren wir Leben, mit jeder Ohrenzeit erholen wir uns im Traum, um immer tiefer in die Geheimnisse unseres Lebens einzutreten. Während der Augenzeit können wir auch hören und Schwingungen wahr-nehmen. In der Traumzeit erkennen wir so manches Bild, das uns in der Augenzeit begleitet. Wenn wir uns selbst verstehen, gelangen wir zu unserem ureigensten Selbstverständnis. Indem wir uns austauschen, gewinnen wir die Kraft der Gemeinschaft zurück.

Da wir Frauen alles zusammenhalten und gedeihen lassen, nähren und behüten, ist unser Selbstwert gut begründet:

  • Wir hören genau hin und spüren die Schwingungen des Lebens.
  • Wir nutzen, was uns die Natur zur Verfügung stellt, und sind mit dieser Aufgabe zufrieden.
  • Wir verstehen die Zusammenhänge und können heilen.

All diese Gaben sind uns eingeboren, in die Wiege gelegt.

So entwickeln wir im Laufe des Lebens ein umfassendes Wissen von Natur und Schöpfung. Dieses können wir weitergeben an all die Frauen und Freundinnen, die uns zu-ge-hören. Von An-ge-sicht zu An-ge-sicht wissen wir, dass wir uns er-gänzen, um zu einer Ganzen zu werden. In dieser Nische haben wir die Fähigkeit, unser Leben handfest zu gestalten. Wenn es uns gelingt, auch räumlich zusammenzukommen, wächst unsere Stärke, heilsam und zufrieden mit dem Leben umzugehen.

Vielleicht entsteht so eine Para-Welt, unser persönliches Para-dies, in welchem wir entspannt dem nächsten Tag entgegenblicken können.

Gisa 2011

*) manipulieren: manus (lat.) = Hand;   pullere (lat.) = ziehen, zerren

°) Depression: de- (lat.) = herunter;   primere (lat.) = drücken. Depression ist Mangel an Lebenskraft

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