Arzt und Universität

Gisa, 7. Januar 2018

Es heißt nicht mehr „Heilkunde“ – es heißt „Medizin“, seit sich die Kirche im 13. Jahrhundert der Universitäten bemächtigt hatte. Bis dahin trafen sich Frauen, Moslems, Juden und Christen gemeinsam an den Hochschulen Salernos oder Montpelliers, um das Wissen zu mehren. Nun aber – und es gilt bis heute vom Grundsatz her – legte sie, die Kirche, eine neue verbindliche Studienordnung fest:

„Man musste männlichen Geschlechts, streng katholisch und ehrbarer Herkunft sein … und bevor das eigentliche (medizinische) Studium aufgenommen werden durfte, standen Theologie, Philosophie, Latein und Logik auf dem Lehrplan.“[1]

Heilerinnen und Heiler, Magierinnen und Magier… gab es zu allen Zeiten. Aber auch hier hat die Kirche okkupiert: sie bietet deshalb den Exorzismus an – also die „Teufelsaustreibung“. Wobei der „Teufel“ als „Leibhaftiger“ zuständig ist für Sex und Nachkommen. Das kann man natürlich verdrängen, aber nicht ignorieren, sonst sterben die Menschen aus.

Heilerin

Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus sind im europäischen Raum schon immer Hand in Hand gegangen. Wir können somit am bestehenden Antisemitismus ablesen, wie wenig akzeptiert Frauen in dieser Gesellschaft sind. Jeder kann Christ oder Moslem werden. Niemand aber kann Jude werden. Um ein Jude zu sein, braucht dieser eine jüdische Mutter; erst dann ist er tatsächlich ein Jude im Sinne des Judentums. Der Zusammenhang Frau ↔ Jude wird deutlich, wenn wir uns das vor Augen führen. Im Christentum wird jeder Frau, die Frauenrechte und differenziertes Forschen / Publizieren im christlichen Rahmen diskutiert, die Exkommunikation angedroht / durchgeführt. Jüdische Frauen hingegen können jederzeit die Thora auf ihre Weise interpretieren, ohne dass jemand ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Religion in Frage stellt.

Es wurde zusätzlich noch ein Gesetz erlassen (das Territorium von Montpellier gehörte inzwischen zum päpstlichen Besitz), welches vorschrieb, jedem Patienten die Beichte abzuverlangen, da die Ärzte gleichzeitig auch Priester waren. Vorher durfte keine Behandlung erfolgen. Von nun an arbeiteten Heiler*innen illegal (vergl. heutiges Verhalten der Schulmedizin[2] beim Heilpraktiker-Beruf). Eine Heilerin brauchte keine männliche Unterstützung bei ihrer Arbeit. Sie war kundig, erfahren und aus ihrer Tradition heraus unabhängig und stark; ein Umstand, der der Kirche unerträglich war. Dies „machte es möglich, Abweichler wie jüdische Ärzte und heilkundige Frauen aus dem Berufsstand auszuschließen und damit unliebsame Ketzer zu entmachten“[3]. Als die Heiler*in zur Hexe dämonisiert und dem „Teufel“ beigesellt wird, wird sie damit selbst teuflisch. Die Heiler*in kann auch nicht aus eigener Kraft durch die Nacht fliegen (Frauen können bekanntlich nichts alleine) sondern ist auf die Hilfe des Teufels angewiesen.

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[1] Bochnik, Peter, „Die mächtigen Diener – Die Medizin und die Entwicklung von Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus in der europäischen Geschichte“, Reinbek, 1985

[2] „Schulmedizin“ bezieht sich per Begriff immer noch auf die kirchliche Schule = Unterrichtung. Dies wurde noch erweitert durch „Seminare“ und „Institute“, die von der Kirche gegründet wurden, um die wegen der Hexenverbrennung fehlenden Heiler*innen zu ersetzen.

[3] Bochnik, dito

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